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Orthodoxe Christen besser verstehen (14): Der Weihrauch "Auf steige mein Gebet wie Weihrauch vor Dein Angesicht" (Ps. 141,2). Wir erleben es immer wieder: kein orthodoxer Gottesdienst ohne Weihrauch! Für uns Evangelische Christen ist das völlig fremd. Als in meiner früheren Dorfgemeinde im Krippenspiel einst die Weisen aus dem Morgenland ein paar Weihrauchkörner auf einem Stück glimmender Holzkohle als Geschenk brachten, so wie es der Evangelist Matthäus überliefert, da ging ein Raunen durch die Kirche; einige stürzten zum Fenster, meinten keine Luft mehr zu bekommen: Weihrauch in der Kirche, das hatten sie noch nie erlebt! Im orthodoxen Gottesdienst wird alles beweihräuchert, der Altar, die Abendmahlsgaben, die Ikonen, der Bischof, wenn er anwesend ist, der Priester, der den Gottesdienst leitet ebenso wie die ganze anwesende Gemeinde. Es liegt ein zarter Duft von Weihrauch über dem ganzen Gottesdienst. Jeder in der Gemeinde verneigt und bekreuzigt sich, wenn der Priester mit dem Rauchfass an ihm oder ihr vorüber geht. Im Alten Testament spielt das Rauchopfer eine große Rolle, schon im 2. Buch Mose (Kap 30) wird ausführlich der Bau und Gebrauch des Räucheraltars angeordnet. Der Weihrauch, der zum Himmel steigt, stellt so etwas wie die Verbindung zwischen Himmel und Erde da. Der kleine Mensch nähert sich dem großen Gott und bezeugt ihm seine Ehrfurcht, indem er wohlriechenden Rauch zu ihm aufsteigen lässt. Es ist, als würden sich in diesem Rauch Himmel und Erde berühren, flüchtig, einen Augenblick nur, nicht zu greifen, und doch ganz wirklich. Die Gemeinde, die in Weihrauch eingehüllt wird, wird so einbezogen in das gottesdienstliche Geschehen, bleibt nicht außen als Zuschauerin, sondern ist mittendrin im heiligen Vollzug. In einem Jugendgottesdienst in Ravensburg habe ich es einmal erlebt: Da wurde vor den Altarstufen ein großes Blech mit einigen Stückchen glühender Holzkohle gelegt, und alle wurden eingeladen, nach vorn zu kommen und ein Körnchen Weihrauch auf die Kohle zu legen. Wer wollte, konnte laut ein Fürbitte oder ein Dankgebet mit dem Rauch zum Himmel schicken, oder leise, nur im Herzen, Gott das anvertrauen, was sich nicht so leicht in Worte fassen lässt. Da war es deutlich zu spüren, wie sehr sich die Menschen in dieser kleinen Geste wiederfanden, ihren Kummer, ihre Sehnsucht, ihr Gotteslob. Der Prophet Jesaja (1,13) macht deutlich: Gott kommt es nicht auf den Weihrauch an, sondern auf das gläubige Herz. Aber das versteht sich ja eigentlich von selbst. Doch manchmal tut es vielleicht ganz gut, mit dem Weihrauch unser Gebet zu Gott aufsteigen zu sehen, gerade dann, wenn uns unser Gebet so schwach und unvollkommen vorkommt. Vielleicht ist der Weihrauch so etwas wie eine Ahnung des Heiligen Geistes, der unserem Gebet aufhilft und uns vor Gott vertritt (Röm. 8,26). |