Aktuell

Reise im April 2018

Reise im April 2018
für deutschsprachige Gemeinden und deren Freunde/innen
nach Thessaloniki, Philippi und Kavala, Vergina
Fachliche Leitung und Führungen Prof. Volanakis

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Orgelklänge am Nil

In der deutschen Kirche von Kairo wird die 100 Jahre alte Walcker-Orgel restauriert.

Der Arbeitsplatz von Gerhard Walcker-Mayer hat es in sich: in brütender Hitze, mitten in der lärmenden Metropole Kairo hockt er in einem schier unlösbaren Puzzle aus Orgelpfeife, Verstrebungen und Halteringen. Rund um den Kirchbau tobt der Autoverkehr auf sechs Spuren. Doch wenn die Kirchentür ins Schloss fällt, wird die Kirche zu einer anderen Welt. Einzelne Sonnenstrahlen bohren sich durch die Bleiglasscheiben und ziehen den Blick in Richtung Kuppel. “Wenn ich mir vorstelle, dass in diesem Raum ein Orgelkonzert von Bach aufgeführt würde…”, sinniert Gemeindepastor Axel Matyba und spricht den Satz nicht zu Ende. Lange wird er darauf nicht mehr warten müssen: pünktlich zum 100. Geburtstag der Kirche im April 2012 soll die Orgel wieder erklingen.

EKD-Friedensbeauftragter warnt vor Generalverdacht gegenüber Muslimen

Bremen (epd). Der kirchliche Friedensbeauftragte Renke Brahms hat zehn Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vor einem Generalverdacht gegenüber Muslimen gewarnt. “Wir müssen starre Bilder aufbrechen”, mahnte der Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im epd-Gespräch. “Muslime werden schnell mit einem gewalttätigen Islam in Verbindung gebracht.” Doch nur ein verschwindend kleiner Teil von ihnen sei zur Gewalt bereit. “Wir müssen auf Differenzierung drängen”, appellierte der leitende Bremer Theologe.

“Viele Muslime leben bei uns als friedliche Menschen”, betonte Brahms. Zu den Lektionen, die es nach dem 11. September zu lernen gebe, gehöre es, sie vor einem Generalverdacht zu schützen. Der erste Schritt dazu seien Begegnungen. “Fundamentalisten gibt es überall, auch unter Christen.” Es bleibe die gemeinsame und verbindende Aufgabe aller Religionsgemeinschaften, ihnen die Basis zu entziehen. “Fundamentalismus ist hoch gefährlich”, warnte Brahms, der auch theologischer Repräsentant der Bremischen Evangelischen Kirche ist.

Er mahnte dazu, die Wurzeln des Terrorismus in den Blick zu nehmen. “Wir müssen uns doch fragen: Woher kommt dieser Hass auf den Westen, auf die USA, damit wir nicht nur an den Symptomen herumdoktern.” Soziale Ungerechtigkeit im Zusammenhang mit einem globalen Wirtschaftssystem, das viele Menschen in Armut halte, förderten Gewalt und Fundamentalismus. “Die Frucht der Gerechtigkeit wird Frieden sein”, zitierte Brahms die Bibel. “Umgekehrt heißt das: Aus Ungerechtigkeit wächst Gewalt.”

Zu den wichtigsten Lektionen der zurückliegenden Jahre gehöre auch die Einsicht, dass gewaltfreie Lösungen und zivile Hilfe vor militärischen Interventionen stehen müssten. “Vor jedem Einsatz mit Waffen müssen wir sehr viel genauer hinschauen.” Durch Operationen der Streitkräfte in Afghanistan und im Irak sei die Welt nicht friedlicher geworden. Sie hätten aber den Blick auf die Alternativen gelenkt. Doch: “Dem Zivilen wird noch nicht genug Raum gegeben – eindeutig.”

Im Zusammenhang mit den Anschlägen auf die Twin Towers und das Pentagon denke er in erster Linie an die Opfer, ihre Angehörigen und die vielen Helfer. “Und daran, was diese furchtbar-gewalttätigen Anschläge in der Zeit danach an Opfern gefordert haben.” Dazu gehörten unberechtigt Verdächtige, Folteropfer und eingeschränkte Bürgerrechte. Im Zusammenhang mit Folterungen muslimischer Gefangener in Guantánamo und Polen sagte Brahms, Unrecht dürfe nicht mit neuem Unrecht beantwortet werden. “Wir verlieren die Berechtigung, zu agieren, wenn wir unsere eigenen Werte verletzen.”

Begrüßung und Geistliches Wort

Begrüßung und Geistliches Wort

von Frau Präses Katrin Göring-Eckardt im Rahmen der Ökumenischen Feier in der Augustinerkirche in Erfurt am 23.09.2011

“Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.” (Jesaja 26,9)

Mit diesem Jesajawort, das die Herrnhuter Brüdergemeine für diesen Tag gelost hat , grüße ich Sie, grüße ich Euch, liebe Schwestern und Brüder, zu unserem Gottesdienst. Ich grüße von Herzen unseren Bruder in Christus, Papst Benedikt XVI. Wir sind dankbar, dass Sie mit uns beten, singen und auf Gottes Wort hören wollen und dass Sie predigen. Ich grüße unseren Bruder Nikolaus Schneider, den Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland; Sie beide leiten diesen Gottesdienst gemeinsam!

Sehr froh bin ich, dass wir mindestens ein Ehepaar unter uns haben, welches die Verbundenheit der Konfessionen in der Familie lebt. Herr Bundespräsident, liebe Frau Wulff. Wie schön, dass Sie beide da sind und mit den evangelischen und römisch-katholischen Christinnen und Christen aus den Gemeinden diesen Gottesdienst feiern. Ein herzliches Willkommen den Schülerinnen und Schülern der katholischen Edith-Stein-Schule und des evangelischen Ratsgymnasiums hier aus Erfurt. Sie bringen die Zukunft unserer Kirchen in unsere Runde.
Ich hoffe, ihr singt laut mit! Und mit uns beten und singen Christenmenschen hier im Augustinerkloster, draußen in der Stadt und zu Hause an den Fernsehgeräten. Wir alle sind Gemeinde Gottes und wir freuen uns, diesen Gottesdienst feiern zu dürfen.

“Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.”

Unser ökumenischer Gottesdienst hier ist ein großes und sehr öffentliches Ereignis. Er ist aber trotz der Scheinwerfer keine Show. Er dient nämlich etwas Anderem, etwas viel Größerem. Obgleich uns manches trennt, das Wichtigste verbindet uns: die Sehnsucht nach Gott. Denn unsere Heimat ist der Himmel. Es ist Gottes Licht, das in der Niedrigkeit scheint, im Stall von Bethlehem, das Licht, das von Kreuz und Auferstehung ausgeht.

So will ich auch die Neugierigen begrüßen, die, die uns zuschauen, vielleicht sogar mit Skepsis; die, die wenig von Gott erhoffen, die ihn kaum noch kennen und gar nicht glauben können. Seien Sie versichert, auch christliche Hoffnung ist nicht immer groß und unsere Fragen sind mitunter größer, als der Glaube fest ist. Aber hören Sie vor allem, dass Sie willkommen sind. Fröhliche Christenmenschen nämlich wollen gar nicht unter sich bleiben.

“Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.”

Nachts, wenn die Schatten länger werden, sehnen wir uns – in tobender Unruhe, in der Verwirrtheit, in der Ungewissheit – nach Gott. Und es ist Nacht in der Welt: Menschen werden heimatlos: heimatlos auf der Flucht vor Hunger, vor Krieg, vor Umweltzerstörung; heimatlos auch durch Gewalt an Körper und Seele, heimatlos in Enge und in Verzweiflung. Morgens, wenn der Tag noch voller Möglichkeiten ist, suchen wir Gott an den Kreuzwegen und Weggabelungen, wenn wir entscheiden müssen, was richtig ist und gut und dauerhaft. Wie wir leben – ohne Zerstörung; wen wir lieben – ohne Verletzung; was wir tun – ohne Anmaßung. Immer wieder wollen und sollen wir wählen. Und doch wollen wir vor allem eines: Heimat finden, angenommen sein und den Ort kennen, an dem wir bleiben können.

Beheimatet in Gottes Trost, geborgen in seiner Liebe, werden Menschen frei und unverzagt. Oder wie Sie, lieber Bruder Papst Benedikt, es formuliert haben: “ER will, dass zwischen ihm und uns das Geheimnis der Liebe entstehe, das Freiheit voraussetzt.”

Der Mönch Martin Luther ist hier in diesen Mauern der Augustinerkirche zu Erfurt eingekehrt bei Gott und hat diese Liebe gesucht. Und er ist aufgebrochen, hinter sich zu lassen: Macht ohne Liebe, Glaube ohne Freiheit, Angst ohne Ausweg. Aufgebrochen, hin zu einer Freiheit, die in Gott ihre Wurzeln und in der Welt ihren Ort findet, immer wieder, durch die Jahrhunderte hindurch, bis in die jüngere Geschichte, bis heute. Luthers Satz: “Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan” war auch für Christinnen und Christen in der DDR ein kämpferisches, ein stärkendes Wort. Ja, wir konnten getrost wissen, dass Gott größer ist, größer als die kleinbürgerliche SED sowieso, größer als die martialische Stasi aber eben auch. Und gewiss größer als das ganze heuchlerische, unterdrückerische System, das die Menschen klein und den Glauben unsichtbar machen wollte. Und aus dieser Geschichte haben wir erneut gelernt: Wenn man Mauern zu lange bewacht, Mauern aus Stein und Mauern aus Schweigen, dann brechen sie von innen auf: weil die Menschen von der Freiheit wissen.

“Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts, ja mit meinem Geist suche ich dich am Morgen.”

Viele Menschen suchen nach Gott mit ihrem Geist, morgens und abends, allein oder gemeinsam; und Gott sieht alle, uns alle an, mit der gleichen und nur ihm eigenen großen Liebe: ob wir nun alt sind oder jung, Mann oder Frau, so oder anders gläubig, heiter oder bedrückt, egal, wen wir lieben und mit wem wir das Leben teilen. Denn “in meines Vaters Hause sind viele Wohnungen”, heißt es im Johannesevangelium (14, 2), und dieses Haus, in dem wir wohnen, in das wir kommen können, egal wie wir heißen oder sind, hat auch immer noch Zimmer frei für die, die suchen und bei uns Heimat finden. Wir haben ein Fundament, das Wort Gottes, und wir haben einen gemeinsamen Grund, die Heilige Taufe. Und, ja, zum richtigen Zeitpunkt werden wir am hellsten und besten Ort des Hauses gemeinsam und füreinander den Tisch decken, an den ER uns einlädt, von dem wir gemeinsam essen und trinken, was Jesus an seinem letzten Abend teilte. Nicht, weil wir es müssen, sondern weil wir es können und weil wir es wollen.

Ich bin Ihnen, lieber Bruder Papst Benedikt, dankbar, dass Sie Station machen hier mit uns, auf dem Weg, den Gott uns schenkt, denn auch die Ökumene ist zuallererst Gottes Geschenk an uns.

“Von Herzen verlangt mich nach dir des Nachts und mit meinem Geist suche ich dich am Morgen”, heißt es bei Jesaja.

Dieser Freitagmittag in Erfurt ist kein gewöhnlicher. Wer jetzt auf uns schaut, soll das spüren. Nein, wir sind nicht besser, größer, reicher als andere, noch nicht einmal alle zusammen. Und ja, wir machen Fehler und denken kurzfristig und egoistisch. Dietrich Bonhoeffer hat aber richtig erkannt: “Ich glaube, daß auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.”

Wer auf uns schaut, soll spüren, dass wir in allem wissen von Gottes Liebe, die uns nicht drängt, sondern trägt, die sich manchmal verbirgt und dann wieder leuchtet mit aller Kraft.

Dass wir diese Liebe kennen, in ihr leben, bei ihr bleiben, dass wir in ihr Heimat finden können und leben im Hause des Vaters, gemeinsam als die eine Gemeinde Jesu Christi, das ist es, was die Suche unseres Geistes ausfüllt und das Verlangen unserer Herzen zur Erfüllung bringt.

Gott segne unser Hören und Reden, unser Singen und Sagen, unser Aufbrechen und Ankommen.

Lasst uns aufstehen, vor Gott treten und beten.

Quelle EKD: www.ekd.de/texte-erfurt-2011

Hinrichtungen sind eine Schande für den Rechtsstaat

“Hinrichtungen sind eine Schande für den Rechtsstaat”
EKD-Auslandsbischof plädiert für Abschaffung der Todesstrafe
10. Oktober 2011

Zum Internationalen Aktionstag gegen die Todesstrafe am 10. Oktober hat sich der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte, für die weltweite Ächtung der Todesstrafe eingesetzt.
Die Vollstreckung des Todesurteils gegen Troy Davis am 21. September in den USA habe wieder einmal gezeigt, dass “dieses Strafmaß einem Rechtsstaat nach westlichem Verständnis nicht angemessen ist”, sagte Schindehütte heute in Hannover. Trotz massiver Zweifel an seiner Schuld und vieler offener Fragen sei Troy Davis getötet worden, was gerade für ein Land mit hohen rechtsstaatlichen Ansprüchen wie den USA nicht hinnehmbar sei. Grundsätzlich seien die Würde des Menschen und sein damit verbundenes Recht auf Leben von staatlicher Seite zu schützen, wie es auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben ist. Dass Menschen immer noch gehängt, vergiftet oder erschossen werden, um eine andere Straftat zu vergelten, sei mit dem christlichen Verständnis von Vergebung nicht vereinbar. “Gerechtigkeit wird nicht durch weiteres Unrecht hergestellt”, so der Auslandsbischof weiter.
Die Todesstrafe verstößt gegen Artikel 3 und 5 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Die vorsätzliche Tötung von Menschen durch den Staat ist eine Verletzung des Rechts auf Leben und des Rechts, keine grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe erleiden zu müssen. Nicht nur in den USA warten zahlreiche Gefangene auf die Hinrichtung. Mittlerweile haben zwar 139 Länder weltweit die Todesstrafe abgeschafft, doch bleibt sie in 58 Staaten immer noch ein mögliches Instrument. Im vergangenen Jahr sind in 23 Ländern Menschen hingerichtet worden. Als letztes Land in Europa hält Weißrussland an der Todesstrafe fest. Die meisten aller bekannt gewordenen Hinrichtungen finden jedoch in China statt.
Hannover, 10. Oktober 2011
Pressestelle der EKD
Silke Römhild

Hinhören-Aufbrechen-Weitersagen

EKD-Synode beschließt Kundgebung zum Thema Mission
09. November 2011

hinhoerenMit “Leidenschaft und Energie” sei über das Schwerpunktthema “Missionarische Impulse” auf der 4. Tagung der 11. Synode der EKD diskutiert worden, freut sich Kathrin Göring-Eckardt. Schon die bisherige öffentliche Resonanz habe gezeigt, dass die Frage, wie der christliche Glaube in dieser Zeit “Sprache und Gestalt” gewinnen könne, aufmerksam wahrgenommen werde, so die Präses der Synode.
In einer krisenhaften Welt voller Verunsicherung und Beschleunigung wachse die Sehnsucht nach “Zuspruch, Entlastung und Konzentration”. Deswegen gehe es um mehr als die “Bewältigung kirchlicher Mangelerscheinungen” und eine “Strategie zur Gewinnung von Mitgliedern”. Das Evangelium sei der Grund, der dazu verhelfe, Krisen anders zu sehen und anders mit ihnen umzugehen. “Heilsame Unterbrechung, Trost einer verängstigten Seele und die Überwindung von Angst” seien aber nicht nur für Christenmenschen elementar. Sie gelten auch gleichermaßen für die Gesellschaft.

Beschlossen haben die Synodalen eine Kundgebung zum Schwerpunktthema mit folgendem Wortlaut:

Kundgebung
der 11. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland auf ihrer 4. Tagung

Hinhören – Aufbrechen – Weitersagen
Missionarische Impulse 2011

Am Anfang aller Mission steht das Evangelium von Jesus Christus. Dieses Evangelium ist “der wahre Schatz der Kirche” (Martin Luther), den wir nie besitzen, aus dem wir als Kirche leben und den wir immer wieder neu entdecken. Mission ist begründet in Gottes barmherziger Zuwendung zur Welt und lebt von einer heilsamen Besinnung auf das, was uns in Christus geschenkt ist: die bedingungslose Gemeinschaft mit Gott.
Die EKD-Synode 1999 in Leipzig hat Impulse zum Missionsverständnis der evangelischen Kirche formuliert, die wir dankbar aufnehmen:
“Wer glaubt, kann nicht stumm bleiben. Wer glaubt, hat etwas zu erzählen von der Güte Gottes. Darum tragen wir die Bilder des Lebens, des Trostes und der Sehnsucht weiter und treten ein für die Sache Gottes – leise und behutsam, begeistert und werbend. So folgen wir dem Auftrag Jesu Christi”.
Mission “ist an der gemeinsamen Frage nach der Wahrheit orientiert, verzichtet aus dem Geist des Evangeliums und der Liebe selbst heraus auf alle massiven oder subtilen Mittel des Zwangs und zielt auf freie Zustimmung. Eine solche Mission verträgt sich mit dem Gebot der Toleranz. Sie ist geprägt vom Respekt vor den Überzeugungen der anderen und hat dialogischen Charakter.”
Heute stellen wir mit Freude fest, was in dieser Hinsicht in den zurückliegenden Jahren in unserer Kirche unter Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen geschehen ist. “Mission” hat einen neuen Stellenwert bekommen; Brücken wurden gebaut zwischen Landeskirchen und missionarischen Bewegungen; Gemeinden haben sich für eine Vielfalt von Beteiligungsformen geöffnet; es fand Austausch statt zwischen Ost und West und mit ökumenischen Partnern. In der EKD sind hier exemplarisch Projekte wie “Jahr der Taufe”, “Erwachsen glauben” und “Willkommen in Gottes Welt” zu nennen.
Andererseits sehen wir, dass Menschen mit dem Glauben nichts mehr anfangen können, gegenüber dem Glauben gleichgültig sind oder der Kirche tragende Antworten auf grundlegende Fragen nicht zutrauen. Wenn wir uns heute erneut dem Thema zuwenden, so geht es dennoch nicht um die Bewältigung kirchlicher Mangelerscheinungen oder eine Strategie zur Gewinnung neuer Mitglieder – auch wenn uns die zurückgehenden Mitgliederzahlen belasten. Vielmehr geht es um eine erneute Vergewisserung darüber, was es bedeutet, sich heute in die Bewegung Gottes zum Menschen mit hineinnehmen zu lassen.
Hinhören – aufbrechen – weitersagen: Diese Schritte werden an der Geschichte von Philippus und dem Kämmerer im 8. Kapitel der Apostelgeschichte anschaulich gemacht (Apg 8, 26-39).

1. Hinhören

Philippus hört auf die Stimme Gottes – und er hört auf das, was den Kämmerer bewegt.

Christinnen und Christen leben mit dem Gesicht zum Himmel und zur Welt. Mission, die sich am Evangelium von Jesus Christus orientiert, ist wahrnehmend: Sie hört auf das, was Gottes Geist den Gemeinden sagt. Sie spürt, im Bild der EKD-Synode von Leipzig gesprochen, ihrem eigenen Herzschlag nach. Sie nimmt wahr, was Menschen sagen und was unsere Gesellschaft beschäftigt.
Das Evangelium von Jesus Christus lässt aufhorchen: Es spricht Menschen frei von Mäch-ten, Ängsten und Zwängen. Es schenkt Vertrauen auf Gott, bewegt zur Liebe zur Welt, eröffnet Hoffnung über den Tod hinaus. Leid, Schmerz und Dunklem zum Trotz vermittelt es Sinn, Ziel und Freude des Lebens. In der Botschaft von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi begegnet Menschen ein Zuspruch, der sie getrost leben und getröstet sterben lässt. Und sie gewinnen die Gewissheit, dass Gott seine Schöpfung zu einem guten Ziel führen wird. Wem sich diese Wahrheit erschließt, der sieht die Welt und das eigene Leben mit anderen Augen: offen und klar, befreit und getrost, liebevoll und engagiert.
Im Licht des Evangeliums hören wir, was Menschen heute bewegt. Die aktuelle Diskussion um die Krise der Finanzwelt, die Schuldenproblematik in unserer Gesellschaft und die Gefährdung der Natur lösen ein Empfinden tiefer Verunsicherung aus. In einer beschleunigten Welt gibt es die Erwartung, permanent präsent und leistungsfähig sein zu müssen. Bei vielen hat sich ein Gefühl der Erschöpfung breit gemacht. Und es gibt Menschen, die in der beschleunigten Welt immer mehr am Rande stehen. Diese Erfahrungen können zu Verlust an Sinn, Flucht in Geschäftigkeit und Angst vor Veränderung führen. Zugleich wächst die Sehnsucht nach Zuspruch, Entlastung und Konzentration. Das Evangelium von Jesus Christus hilft, sich diesen Phänomenen zu stellen. Es spricht vom Trost einer verängstigten Seele und von der Überwindung der Angst in der Welt.
Die Erfahrungen von Krise, Schuld und Erschöpfung betreffen auch die Kirche. Sie sieht die Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft und sie selbst stehen, aber findet oft nicht die Kraft, sich neu auszurichten. Sie steht in der Gefahr, sich und ihre Mitarbeitenden in überdehnten Strukturen und immer neuen Aufgaben zu erschöpfen. Für die Kirche ist das stete Hinhören auf die befreiende Botschaft des Evangeliums lebensnotwendig. Gegründet allein auf Christus ist sie Salz der Erde. Sie hat die Freiheit, sich ihre Strukturen selbst zu geben und sich zu verändern, damit sie dem Auftrag treu bleibt, zu dem sie von Gott berufen ist.

2. Aufbrechen

Philippus lässt sich vom Geist unterbrechen. Er bricht auf und geht hin auf die Straße, die öde ist.

Das Evangelium spricht von Gottes heilsamer Unterbrechung der Welt in Jesus Christus. Diese Botschaft zielt – immer wieder neu – auf unsere Hinwendung zu Gott. Sie umfasst den grundlegenden Sinneswandel, der sich in der Nachfolge Jesu Christi und im Hören auf sein Wort ereignet. Dazu kann die Anfechtung des glaubenden Menschen gehören, Gott nicht begreifen zu können und trotzdem weiter nach ihm zu suchen. Darin kann sich die beglückende Erfahrung einstellen, von Gott immer schon gesucht und gefunden zu sein.
Wir werden als Kirche darin glaubwürdig und anziehend, wenn wir nicht immer auf alles eine schnelle Antwort haben, sondern uns von Gott verändern lassen. Der Umkehr zu Gott entspricht ein Glaube, der Zweifel bekennt, eine Verkündigung, die sich unbequemen Fragen stellt, und eine Mission, die selbst auf dem Weg ist und lernt.
Christen und Kirche lassen sich unterbrechen durch Gottesdienst und Gebet, durch Nachdenken über den Glauben und durch die offene, lernbereite Begegnung mit anderen. Kirche wird nicht missionarischer, wenn sie “mehr” tut, sondern wenn sie ihr Tun gezielter und klarer ausrichtet. Sie kann ihre Betriebsamkeit unterbrechen, sich besinnen und sich mutig auf das konzentrieren, wozu sie von Gott berufen ist.
Gott kann nicht nur unser Tun, sondern auch unser Lassen segnen. Zum Evangelium von Jesus Christus gehört die grundlegende Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf – und mit ihr die befreiende Erkenntnis der eigenen Geschöpflichkeit und der eigenen Grenzen. Diese Erkenntnis hilft, nicht alles machen zu wollen, sondern sich auf das zu beschränken, was die eigene Aufgabe an diesem konkreten Ort und zu diesem konkreten geschichtlichen Zeitpunkt ist. Zu den zentralen Aufgaben der Kirche am Anfang des 21. Jahrhunderts gehören Konzentration und Neuorientierung auch im Loslassen. Loslassen befreit die Kirche von der Sorge um sich selbst und öffnet den Blick für andere. Die Fähigkeit der Kirche zu mutiger Selbstveränderung und Selbstbegrenzung ist ein Glaubenszeugnis an andere. Kirchliche Reformen lassen sich verstehen als Geschichte geistlicher Einkehr und inneren Aufbruchs.
Weitergeben kann nur wer empfängt. In einem alten Bild hat Bernhard von Clairvaux dies so ausgedrückt: “Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale, nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter … Wir haben heutzutage viele Kanäle in der Kirche, aber sehr wenige Schalen. Diejenigen, durch die uns die himmlischen Ströme zufließen, haben eine so große Liebe, dass sie lieber ausgießen, als dass ihnen eingegossen wird, dass sie lieber sprechen als hören.”

Philippus bricht erneut auf – zum Fremden. Er läuft neben dessen Wagen her und begibt sich mit ihm auf den Weg.

Das Evangelium von Jesus Christus überschreitet Grenzen und befreit zur offenen Begeg-nung mit anderen: mit Menschen anderer Herkunft, Kultur, Religion. Das Evangelium ist nicht Besitz der Kirche, sondern ihr Gegenüber. Dies hilft zu unterscheiden zwischen der Gewissheit der Verheißung Gottes und der Begrenztheit aller menschlichen Erkenntnis.
Zwischen Christinnen und Christen weltweit stiftet der Glaube an Christus ein Band tiefer, geschwisterlicher Verbundenheit in Gott bei bleibender konfessioneller Unterschiedenheit. Die Begegnung mit Glaubensgeschwistern anderer Konfessionen und Länder öffnet den Blick für die eigene Situation. Das Bezeugen des eigenen Glaubens gehört zusammen mit dem Eintreten für das Recht der anderen auf ihr religiöses Bekenntnis. Kreative Lernfähigkeit gehört zu Ökumene und interreligiösem Dialog ebenso wie zur Mission der evangelischen Kirche.
Die innere Einkehr öffnet die Kirche zu neuem Handeln in der Welt. Sie ist politisch und en-gagiert – und das pointiert und konzentriert. In der Nachfolge Jesu Christi sind die Liebe zu Gott, die Liebe zum Mitmenschen und die Liebe zur Schöpfung nicht voneinander zu trennen. Die Freiheit, die Gott in Christus schenkt, ist Freiheit zum Dienst am Mitmenschen und an der Welt. Zu den vornehmsten Früchten christlichen Glaubens gehören daher Freude, Kraft und Wille zur Gestaltung der einen gottgegebenen Welt.

3. Weitersagen

Philippus fragt nach und lässt sich fragen. Christliches Zeugnis braucht eine dialogische Haltung. In biblischer Perspektive erschließt sich Wahrheit in der Begegnung. Sie verändert beide Dialogpartner, setzt Sprachfähigkeit im Glauben voraus und stärkt sie zugleich. Christinnen und Christen fragen Menschen nach dem, was sie trägt, und lassen sich selbst fragen. Gelingende Mission ist gemeinsames Entdecken von unverfügbaren Gottesüberraschungen, zu denen Gottes Geist uns führt. So nehmen wir teil an dem unaufhörlichen Dialog Gottes mit seiner Welt.

Wir können als Christen nicht schweigen von dem, was sich uns als wahr erschlossen hat: die Zuwendung Gottes in Jesus Christus zu allen Menschen. “Wo der Glaube ganz unter die Bank gesteckt worden ist, erkennt niemand Christus als Herrn …” (Martin Luther). Mission, die sich am Evangelium von Jesus Christus orientiert, ist fröhlich und zugewandt, kommunikativ und frei. Sie bringt sich kritisch ein in die gesellschaftliche Gestaltung von Kultur, Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Lebensstil.
Dabei ist das Zentrum der befreienden Botschaft des Evangeliums das anstößige Wort von Kreuz und Auferstehung: Es redet von Sünde, Scheitern und Neuanfang. Wir bleiben den Menschen etwas schuldig, wenn wir ihnen diese Botschaft verschweigen.

Mission widerstreitet allen Kräften, die menschliches Leben verzwecken, verflachen oder veräußerlichen. Und sie widerspricht in Verkündigung und Bildung allen Ideologien, die weltliche Dinge überhöhen und Menschen deren Herrschaft unterwerfen. Sie bringt die Gottesbeziehung als grundlegende Dimension des Menschseins zur Sprache. Die Besinnung auf Gott wahrt Weite, Schönheit und Geheimnis des Lebens.

Der Kämmerer fragt: Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse? Und Philippus tauft ihn.

Weitersagen erschöpft sich nicht im Reden über den Glauben. Das Evangelium wird in Wort und Sakrament zugesprochen: Die Taufe braucht den Glauben – der Glaube braucht die Taufe. Immer mehr Menschen nehmen dankbar die Möglichkeit wahr, sich in Tauferinnerungen vergewissern und in Segnungen berühren zu lassen.

Der Kämmerer zieht seine Straße fröhlich. Menschen, denen sich das Evangelium von Jesus Christus erschlossen hat, sind im Glauben befreit und durch die Taufe in die christliche Gemeinschaft hineingenommen. Sie können von dieser tiefen Lebensfreude nicht schweigen. Als Synode der EKD bestärken wir alle Christinnen und Christen, zum Heil der Menschen und zum Wohl der Welt von dieser Botschaft zu zeugen: im Hinhören – Aufbrechen – Weitersagen.

* * * * *

Apostelgeschichte 8, 26-39
Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten.
Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.
Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!
Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest?
Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.
Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8):
“Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.”
Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach:
Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?
Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.
Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser.
Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert’s, dass ich mich taufen lasse? Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn.
Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

Internet: www.ekd.de E-Mail: info[at]ekd.de

Die deutschsprachige evangelische Kirche am Bosporus

Hinhören-Aufbrechen-Weitersagen


Die deutschsprachige evangelische Kirche am Bosporus
Der 150. Jahrestag der Einweihung der Kreuzkirche in Istanbul

03. Dezember 2011

Das Medienecho war groß, als der deutsche Kaiser 1889 bei seinem Besuch in Konstantinopel auch die deutsche evangelische Kirche zu einem Gottesdienst besuchte. Ausführlich berichtete etwa die Berliner “Illustrirte Zeitung” über die militärischen Ehren, mit denen er vor der Kirche empfangen wurde. Inzwischen ist die Kreuzkirche in Istanbul 150 Jahre alt. An diesem Wochenende feiert die Gemeinde den 150. Jahrestag der Einweihung.
Die Wurzeln der Gemeinde reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück: Damals zog es zahlreiche deutsche Handwerker auf der Suche nach Arbeit an den Bosporus. Zu den Gemeindegründern gehörten 1843 aber auch Kaufleute, die im Mittelmeerraum Handel betrieben, preußische Offiziere im türkischen Dienst oder Angestellte der preußischen Gesandtschaft. Nachdem sich die Protestanten in den ersten Jahren in der schwedischen oder niederländischen Gesandtschaftkapelle zum Gottesdienst trafen, weihten sie 1861 ihre eigene Kirche ein.
Von ihren Anfängen an war die deutsche Gemeinde sehr stark sozial engagiert. Die deutschen Zuwanderer gründeten karitative Vereine – den Wohltätigkeitsverein “Evangelisches Asyl”, einen Frauenwohlfahrtsverein ebenso wie einen Schulverein. 1846 wurde ein deutsches Krankenhaus eröffnet. 1850 entstand die deutsche Schule.
Im Vergleich zu den deutschen Heimatgemeinden ist die evangelische Auslandsgemeinde in der Türkei relativ jung. In dem weitgehend muslimisch geprägten Land gehören die deutschsprachigen Protestanten einer winzigen Minderheit an. Nur 0,2 Prozent der Bevölkerung in der Türkei sind Christen. Weltweit gibt es heute 140 evangelische Auslandsgemeinden. Die älteste ist die deutsche Gemeinde in Stockholm, die bereits 1571 gegründet wurde.
Das Grundstück, auf dem die Kreuzkirche in Istanbul heute steht, wurde 1843 von der Preußischen Gesandtschaft gekauft, Rechtsnachfolger war das Deutsche Reich, später wurde das Areal an die Gemeinde abgetreten. Heute versteht sich die Gemeinde als Eigentümer. Derzeit prüft sie etwaige Rechtsansprüche, die sich aus dem im August von der Regierung in Ankara verabschiedeten Gesetz zur Rückgabe von 1936 enteignetem jüdischen und christlichen Eigentum ergeben.
In Istanbul hat die deutschsprachige evangelische Gemeinde heute rund 250 eingetragene Mitglieder – Diplomaten, Lehrer an der deutschen Schule oder Angestellte in internationalen Unternehmen. Ursula August ist seit Februar 2011 Pfarrerin am Bosporus. Rund 20 Prozent der Gemeindemitglieder sind wegen eines Arbeitsaufenthaltes nur für kurze Zeit in der Stadt, schätzt die westfälische Pfarrerin, die 2010 von der Evangelischen Kirche in Deutschland in die Auslandsgemeinde nach Istanbul entsandt wurde.

Grußwort zum Kirchenjubiläum, Kreuzkirche Istanbul
Nikolaus Schneider
04. Dezember 2011
Es gilt das gesprochene Wort!

“Suchet der Stadt Bestes,
und betet für sie zum HERRN;
denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl”
Jeremia 29, 7

Sie feiern heute den 150. Jahrestag der Einweihung des Kirchengebäudes der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Istanbul.
Das Territorium der heutigen Türkei ist in der Bibel als Ort frühester christlicher Gemeinden genannt. Wichtige Ereignisse der Kirchengeschichte haben in diesem Land stattgefunden. Christlicher Glaube und christliche Kirche wollen aber nicht nur Teil einer alten, vergangenen Geschichte sein, sondern auch – wenn auch fraglos unter sehr veränderten Bedingungen – wichtiger und bereichernder Bestandteil der Gegenwart dieses Landes und dieser Stadt. Das gilt, so denke ich, auch für die deutschsprachige evangelische Kirche in Istanbul.
Die Kreuzkirche ist das Gotteshaus einer Gemeinde, deren Menschen hier in der Türkei leben und versuchen, sich mit ihrer deutschen Muttersprache ein “Stück Heimat in der Fremde” zu bewahren. Sicher gilt für uns seit Christi Geburt durch die Zeiten und an allen Orten: Die Kirche schenkte und schenkt Menschen in ihrer Bindung an Jesus Christus ein Stück Heimat über alle nationalen und sprachlichen Grenzen hinweg. Und doch können wir alle ein Lied davon singen, wie sehr unsere Muttersprache Teil unserer gewachsenen Identität ist. Wir brauchen unsere Verwurzelung in den alten Liedern und Ritualen unserer Herkunftstraditionen, um unsere Herzen und unseren Verstand für neue Lieder an neuen Orten zu öffnen.
Einer fremden Stadt Bestes zu suchen, ohne die eigenen Wurzeln und die eigene Identität zu verleugnen und aufzugeben, dieser Aufgabe haben sich die Israeliten vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden in Babylon gestellt. Die deutschsprachige Gemeinde stellt sich dieser Aufgabe nun seit über 160 Jahren in Istanbul. Gegründet im Jahr 1843 hat sich die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei von Anfang an auf den Gebieten der Sozialarbeit, der Krankenpflege und der Bildung engagiert.
Das Kirchengebäude, das wir heute feiern, basiert sowohl historisch wie architektonisch auf einer Schule. Zuerst stand hier ab 1850 die deutsche Schule, auf sie wurde 1861 dann die Kirche aufgesetzt. Ich finde, diese Baugeschichte ist ein sehr sympathisches Bild für die “Liebesbeziehung” von Glaube und Bildung in der reformatorischen Tradition. Nach evangelischem Verständnis soll ein jeder Christ und eine jede Christin selbst die Heilige Schrift lesen und sich kritisch mit ihr auseinandersetzen können, um die befreiende Botschaft des Evangeliums für sich zu entdecken und die eigene Lebensweise am Wort Gottes ausrichten zu können.
Kulturelle Vermittlungsarbeit, Flüchtlingsarbeit in ökumenischer Verbundenheit und Nothilfen für gestrandete Landsleute, das sind neben Ihren “innergemeindlichen” Aufgaben die Felder, auf denen Sie heute “der Stadt Bestes” suchen. “Wenn es ihr [der Stadt] wohlgeht, so geht es auch euch wohl” – das hatte der Prophet Jeremia seinen Landsleuten im fremden Babylon zugesagt. Wir beten und hoffen, dass es auch in den kommenden Jahrzehnten der Stadt Istanbul und Ihrer deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in dieser Stadt wohl gehen möge. Für alle dabei sicher nicht immer leichten und unangefochtenen Aufgaben wünsche ich Ihnen im Namen unserer Delegation und der Evangelischen Kirche in Deutschland Gottes Segen.
Als Symbol für das Licht des Evangeliums, das wir an allen Tagen und an allen Orten brauchen, schenkt Ihnen die EKD diese für Sie und Ihre Gemeinde angefertigte Kerze. Möge ihr Licht als Zeichen der Gegenwart Gottes die Gemeinde für ihr Leben und ihren Dienst ermutigen.
Gott behüte Sie!

Gottesdienst am 1. Januar 2012 in der Frauenkirche Dresden

Gottesdienst am 1. Januar 2012 in der Frauenkirche Dresden –
die Predigt zu 2. Korintherbrief 12,9 wurde gehalten vom Vorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland Präses Nikolaus Schneider

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.
Wie kann man ein neues Jahr besser beginnen als mit einem Lob- und Danklied?
Zumal in dem nun beginnenden Jahr 2012 die Evangelische Kirche in Deutschland das Themenjahr „Reformation und Musik“ im Rahmen der Lutherdekade begeht. Lobe den Herrn, wird uns in der Kantate von Johann Sebastian Bach durch diesen Gottesdienst begleiten.

Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Predigt 1 Ein neues Jahr hat begonnen, liebe Gemeinde in der Frauenkirche und an den Fernsehgeräten.
Viele große Hoffnungen und viele kleine Wünsche bewegen unsere Herzen heute, am Neujahrstag.
Gut, wenn wir alle unsere Hoffnungen und Wünsche einbetten können in die Gewissheit:
Das Neue Jahr ist das Jahr des HERRN 2012!
Ein Jahr des HERRN,
dessen herrliches Regiment wir mit der wunderbaren Musik Johann Sebastian Bachs in diesem Gottesdienst loben – einerseits.

Andererseits ein Jahr des HERRN,
dessen Wege uns oft so befremdlich sind,
dass Fragen und Zweifel unser Lob ersticken.
Aus der Bibel wissen wir für alle Fälle:
Ein Jahr des HERRN,
der an seiner Gnade und Menschennähe festhält,
was immer auch in unserem Leben und in unserer Welt geschieht.
Unser Leben ist voller Gegensätze:
Es gibt Tage, die lassen uns “himmelhoch jauchzen” vor Glück. Wir fühlen uns geliebt, beschenkt und wertgeschätzt von Gott und von Menschen. Wir strotzen vor Kraft und es gelingt einfach alles, was wir planen, anpacken und umsetzen.
Es gibt aber auch Tage, die uns “zu Tode betrübt” sein lassen. Wir fühlen uns unverstanden, missachtet und ausgenutzt. Wir sind müde und ausgebrannt. Nichts will uns gelingen. Und Gott scheint unsere Gebete nicht einmal zu hören.
Auch unsere Welt erleben wir voller Gegensätze:
es gibt “Wunder-volle” Landschaften und Naturerfahrungen, so dass wir darin einen Gottesbeweis zu erkennen meinen.
Aber wir hören auch von Naturkatastrophen.
Es gibt “Wunder-volle” Musik wie die Bachkantaten und so “Wunder-volle” Gebäude wie diese Kirche, dass wir von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen wirklich überzeugt sind. Aber daneben gibt es Terror, Krieg und Gewalt. Und wir lesen von Menschen, die andere Menschen verachten, missbrauchen und töten.
Und das Gotteslob bleibt uns im Halse stecken.
Und das Vertrauen auf Gottes Gnade und Menschennähe will uns vergehen.
Genau in diese Situation hinein, in die Tage und in die Erfahrungen, die Menschen zweifeln lassen an Gottes Macht und Gottes Liebe, spricht die Jahreslosung für das Neue Jahr:

“Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.”

Es ist eines der tiefsten Worte des Apostels Paulus und auch eines der persönlichsten:
Paulus berichtet von seiner Krankheit. Er nennt sie seinen “Pfahl im Fleisch”. Er fleht zu Gott um Heilung. Doch Gott schlägt diese Bitte ab.
“Gib dich mit meiner Gnade zufrieden.” – Was für eine enttäuschende Antwort auf das Gebet eines Leidenden!
Alle Fragen nach dem “Warum?” des Leidens bleiben unbeantwortet.
Und warum die Bitte abgeschlagen wird, wird auch nicht erklärt.

Viele von uns teilen diese Erfahrung und diese Enttäuschung des Apostels.
Auch unsere Fragen nach dem “Warum?” bleiben oft unbeantwortet.
Warum muss gerade der Mensch sterben, den ich doch so sehr liebe und brauche?
Warum lässt Gott es immer wieder zu, dass Tausende an Naturkatastrophen sterben?
Warum erhört Gott aufrichtige Gebete um Heilung und Rettung nicht?
Gott mutet uns unbeantwortete Fragen und Enttäuschungen zu.
“Ent-Täuschung” heißt aber:
Uns wird etwas genommen, worin wir uns getäuscht haben und worin wir uns auch gerne weiter täuschen würden:
– dass wir mit unserer eigenen Kraft unser Leben absichern können,
– dass unsere Erwartungen an das Leben berechtigt sind,
– dass Gott uns für unsere guten Taten mit Glück und Erfolg belohnt,
– dass der Glaube an Gott uns vor Leiden bewahrt.

Gott mutet Menschen Enttäuschungen zu. Und das “warum” bleibt oft rätselhaft. Manche Menschen zerbrechen darüber.
Bei anderen aber werden gerade durch Enttäuschungen die Herzen geöffnet für die Erfahrung: Gottes Gnade und Menschennähe sind genug. Sie genügen als Fundament des Lebens.
Paulus hat erkannt: Das unbedingte Zutrauen in die eigene Kraft, in das eigene Können und die eigene Stärke muss erst ent-täuscht werden, damit Gottes Kraft in Menschen wirken kann.
Mit leeren Händen können wir Gottes Fülle ergreifen!

Sologesang „Ich steh vor dir mit leeren Händen“ EG 382, 1+2; GL 621

1. Ich steh vor dir mit leeren Händen Herr,
fremd wie dein Name sind mir deine Wege.
Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott;
Mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen.
Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt?
Ich möchte glauben, komm du mir entgegen.
2. Von Zweifeln ist mein Leben übermannt,
mein Unvermögen hält mich ganz gefangen.
Hast du mit Namen mich in deine Hand,
in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben?
Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land?
Werd’ ich dich noch mit neuen Augen sehen?

Predigt 2

Unser Gottvertrauen, liebe Gemeinde, ist kein Bollwerk gegen Anfechtungen und Zweifel. Und auch keine Absicherung gegen Krankheit, Unglück und Versagen.
Immer wieder neu stehen wir mit leeren Händen vor Gott und rufen nach “leibhaftigen” Erfahrungen seiner Gnade in unserem Leben und in unserer Welt.
Gott mutet Menschen unbeantwortete Fragen und Ent-Täuschungen zu. Aber er lässt uns mit diesen Fragen und Enttäuschungen nicht allein.
Gott kommt uns in seinem Wort entgegen, damit wir lernen, ihn mit neuen Augen zu sehen (vgl. EG 382, 1+2).
Das galt damals in Korinth zu Zeiten des Paulus und das gilt auch für uns heute, zu Beginn des Neuen Jahres 2012.
Damals wie heute leiden Menschen an gefühlter und augenscheinlicher Gottesferne.
Und damals wie heute hilft der Blick auf Jesus Christus, um Gott mit neuen Augen zu sehen. Um Gottes Kraft in der Schwachheit zu erkennen.
Das hat der Apostel Paulus erkannt und der jungen Gemeinde in Korinth ans Herz gelegt. Und das ist auch für uns heute der Blick, den ich Ihnen ans Herz legen möchte.
Sehen wir auf Jesus Christus in Gethsemane (>Altarbild!):
Er schämt sich seiner Schwachheit nicht. Er zeigt Angst vor Leiden und Sterben und fleht um Verschonung.
Zugleich aber weiß er sich getragen von der unzerstörbaren Kraft Gottes, so dass er seinen Weg gehen kann. Deshalb vermag er zu beten: “Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!” (Markus 14, 36). Hier wird offenbar, wie Gottes Kraft in seiner Schwachheit mächtig ist.
An Jesu Christi Kreuz und Auferstehung können wir sehen:
Die Erfahrungen von Leiden und Sterben, Krankheit, Unrecht und Gewalt gehören zum Leben von Menschen auf dieser Welt – auch die Erfahrungen von unerfüllten Wünschen und unerhörten Gebeten. Aber diese Erfahrungen behalten nicht das letzte Wort. Denn das Evangelium bezeugt uns auch heute: Gott hat Jesus Christus auferweckt von den Toten.
Deshalb ist unser Los nicht der Tod. Deshalb hat Gott andern Segen für uns.
In Jesus Christus sind unsere Namen in Gottes Hand und Erbarmen fest eingeschrieben (vgl .EG 382, 1+2).

Gott will und kann auch uns auferwecken zu neuem, unvergänglichen Leben in seinem ewigen Reich. Die leuchtende Krone des Lebens ist uns versprochen. Mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde wird Gott auch uns eine neue Existenz erschaffen.
In diesem vertrauensvollen Blick auf das Leiden und auf die Auferstehung Jesu Christi erkennen wir Gottes Gnade als eine wirkmächtige Kraft gerade in Schwachheit und in schweren Zeiten des Lebens – das soll auch für uns gelten.
In unserem Blick auf Jesus Christus wird Gottes Wort an Paulus zu einem “Wort der Gnade” für uns heute:
“Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.” Darauf können wir vertrauen.
Heißt das: Gott ist keine Adresse für unsere großen Hoffnungen und unsere kleinen Wünsche? Taugt unsere Bitte um Bewahrung vor dem Bösen nicht?

In ihrem Gedicht “Bitte” hat Hilde Domin es so zugespitzt:
“Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
wir werden durchnäßt
bis auf die Herzhaut
Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch, verschont zu bleiben
taugt nicht
Es taugt die Bitte
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden
Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.”

Der Glaube an Gott garantiert nicht, dass wir von Leid verschont bleiben. Der Blick auf Jesus Christus sichert uns keine Welt ohne Gewalt, Krieg und Naturkatastrophen.

Aber der Blick auf Christus lehrt uns, mit allen Enttäuschungen und offenen Fragen Gott als liebenden Vater zu sehen. An ihn können wir uns mit unseren Fragen und Wünschen wenden. An allen Orten und zu allen Zeiten.
Denn natürlich wollen wir ein heiles und gelingendes Leben. Und natürlich ringen wir mit allen Kräften um Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.
Wir werden dabei die Erfahrung machen, dass Gott uns in den dunkelsten Stunden trägt. Er wird uns –wie dem Paulus – die Kraft schenken, mit dem “Stachel der Enttäuschungen und offenen Fragen in unserem Fleisch” zu glauben, zu lieben und zu hoffen – und nicht aufzugeben:
Die Kraft, die uns am Sinn des Lebens nicht verzweifeln lässt, auch wenn Beziehungen und Pläne zerbrechen;
Die Kraft, die uns beharrlich für den Frieden arbeiten lässt, auch wenn Terror und Gewalt unüberwindbar erscheinen;
Die Kraft, die uns zuversichtlich nach Gerechtigkeit suchen lässt, auch wenn wir die globalen Finanzverflechtungen nicht durchschauen.
Um nachhaltig auf dieser Welt zu wirken, brauchen wir die Kraft Gottes, die in unserer Schwachheit wirkt.
Deshalb ist für das Neue Jahr nicht die Bitte entscheidend, verschont zu bleiben, sondern das Gebet:
Gott, lass uns deine Gnade und Menschennähe erfahren und auf sie vertrauen in allem, was in unserem Leben und in unserer Welt geschieht.
“Sprich du das Wort, das tröstet und befreit” (EG 382,3), dass wir – wenn auch manchmal unter Tränen – singen können:
Lobet den Herren!
Amen

EKD-Ratsvorsitzender wirbt für Organspenden

Bad Neuenahr (epd).
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, hat sich indirekt für die geplante Änderung des Organspendegesetzes ausgesprochen. Möglichst alle Menschen müssten sich Gedanken über ihre Bereitschaft zu einer Organspende machen und diese Entscheidung dann dokumentieren, sagte der rheinische Präses am Montag in Bad Neuenahr. Die Entscheidung müsse aber auch geändert werden können.
Der 64-jährige Theologe hat nach eigenen Angaben selbst einen Organspendeausweis ausgefüllt. “Ich möchte auch anderen Mut dazu machen”, sagte er vor der rheinischen Landessynode. Schneider räumte ein, dass die Gleichsetzung des Hirntodes mit dem Tod eines Menschen problematisch sei. Das Herz-Kreislauf-Systems werde dabei aufwändig am Leben erhalten und so die “Endphase des Sterbens” verzögert. “In diesem Umgang mit einem Sterbenden besteht das eigentliche ethische, menschliche und seelsorgerliche Problem der Organentnahme”, sagte Schneider.
Um die Zahl der Organspenden zu erhöhen, soll nach dem Wunsch von Spitzenpolitikern aus Regierung und Bundestag die sogenannte Entscheidungslösung gesetzlich verankert werden. Dabei soll jeder Bürger mindestens einmal im Leben Auskunft geben, ob er zur Organspende bereit ist. Umstritten ist, ob der Staat seine Bürger dazu zwingen kann. Bisher dürfen Organe nur entnommen werden, wenn der Patient zu Lebzeiten zugestimmt hat oder seine Angehörigen ihr Einverständnis geben.
09. Januar 2012

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Evangelische Fastenaktion “7 Wochen Ohne”

Evangelische Fastenaktion “7 Wochen Ohne” steht unter dem Motto “Gut genug”
Wenn der Ehrgeiz Pause macht

Wenn man Werbung und Selbsthilfebüchern glaubt, geht es immer noch schöner und erfolgreicher. Die evangelische Kirche hinterfragt mit ihrer Fastenaktion den Trend zur Selbstoptimierung, der schon im Kindesalter beginnt.

Frankfurt a.M. (epd). Was kann man nicht alles in zehn Tagen schaffen: den Führerschein machen, seine Pickel loswerden, China erkunden, fünf Kilo abnehmen oder auch zehn. Zumindest wenn es nach den zahlreichen Ratgeberseiten im Internet geht.
Die Botschaft ist klar: Jeder kann sich verbessern, und das in kürzester Zeit. “An der Forderung zur Selbstoptimierung kommt niemand vorbei”, sagt die Zürcher Soziologin Stefanie Duttweiler. “Schwächen werden heute umgewertet.” Sie zeigen, an welchen Stellen man sich noch weiter verbessern kann.

Die Evangelische Kirche in Deutschland will diesen Trend mit ihrer diesjährigen Fastenaktion hinterfragen. Das Motto: “Gut genug – 7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz”. Die Initiatoren rufen dazu auf, in der Fastenzeit von Aschermittwoch am 22. Februar bis Ostern am 8. April nicht nur auf Schokolade oder Alkohol zu verzichten, sondern auch Pause vom Perfektionismus zu machen.

An der Initiative mit Aktionskalendern und Fastengruppen beteiligen sich in jedem Jahr rund zwei Millionen Menschen.
“Man darf heute eigentlich keine Schwächen zeigen”, sagt die Münchener Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, Kuratoriumsvorsitzende von “7 Wochen Ohne”. “Jeder ist ständig dabei, sich selbst zu verbessern. Man ist sich selbst der größte Sklaventreiber.”
Mit dem Wunsch nach Optimierung lässt sich viel Geld verdienen: Unzählige Lebenscoaches und Persönlichkeitstrainer bieten im Internet ihre Dienste für mehr beruflichen Erfolg an, für bessere Schulnoten wollen zahlreiche private und professionelle Nachhilfelehrer sorgen.
Nach Angaben des Bundesverbands Nachhilfe- und Nachmittagsschulen, in dem mehr als 2.500 solcher Organisationen zusammengeschlossen sind, nimmt jedes dritte bis vierte Kind im Laufe seiner Schulzeit Nachhilfeunterricht. Denn die Forderung nach Verbesserung beginnt schon im Kindesalter. “Eltern machen Kindern sehr deutlich, dass man sich seinen Platz in der Gesellschaft durch gute Leistungen erarbeiten muss”, sagt der Erziehungswissenschaftler Arnold Lohaus.
Der Professor der Universität Bielefeld beobachtet, dass Eltern immer höhere Erwartungen in ihre Kinder setzen. Den Grund dafür sieht Lohaus unter anderem in veränderten Familienstrukturen. “Früher haben sich die Erwartungen der Eltern auf mehr Kinder verteilt.” Wenn sich heute alle Hoffnungen auf ein oder zwei Kinder konzentrierten, sei der Druck größer.
Die Schulpsychologin Monika Drinhaus berichtet von 15- oder 16-jährigen Mädchen, die bis zur Erschöpfung lernen, weil sie mit ihren Noten unzufrieden sind. “Wenn sie eine Drei statt einer Zwei in der Klassenarbeit schreiben, entwickeln einige Schüler massive Versagensängste.”
Für zusätzliche Belastung sorgt nach Ansicht der Psychologin, die an mehreren Schulen im Rheinland arbeitet, die Verkürzung der Schulzeit auf zwölf Jahre. Schüler hätten heute einen Arbeitstag wie ein Erwachsener. “Und das müssen sie in einer Phase bewältigen, in der sie sich körperlich und emotional rasant entwickeln.”
Leistung spielt nach Drinhaus’ Erfahrung auch in der Freizeit von jungen Menschen eine immer größere Rolle. “Heute besuchen so viele Kinder das Gymnasium, dass sich viele Eltern fragen: Wie kann sich mein Kind da abheben?” Hobbys wie Sport oder Musik seien dann nicht mehr Mittel zur Entspannung, sondern auf Höchstleistungen ausgerichtet.
Der Erziehungswissenschaftler Lohaus hat in Untersuchungen festgestellt, dass jeder fünfte Drittklässler über häufige Kopfschmerzen klagt – ein typisches Stress-Symptom. Gründe dafür könnten Hausaufgaben und Klassenarbeiten, aber auch die vielen Freizeitaktivitäten sein. Lohaus rät, Schularbeiten und Hobbys sinnvoll über die Woche zu verteilen – und auch Ruhepausen einzuplanen.
Ehrgeiz sei an sich nichts Schlechtes, betont Bischöfin Breit-Keßler. Doch “7 Wochen Ohne” wolle vor falschem Ehrgeiz warnen, der ständig zu neuen Superlativen antreibe. Breit-Keßler will dem das christliche Verständnis entgegensetzen: “Gott liebt uns so, wie wir sind, ohne Vorleistung.”
Kinder sollten ihre Zeit auch mal sinnfrei genießen können, sagt sie. Einfach in der Natur sein, mit Tieren oder Freunden spielen – das komme häufig zu kurz. Auch Erwachsenen rät sie, “den Sabbat mal im Alltag zu heiligen”. Die Fastenzeit sei dazu eine gute Gelegenheit.
Ehrgeiz kann man nach Meinung von Breit-Keßler auch im Kleinen fasten: “Nach einem langen Arbeitstag muss man nicht unbedingt noch ein 3-Gänge-Menü kochen und die gesamte Wäsche erledigen”. Es könne auch mal reichen, nur die Bluse für den nächsten Tag zu bügeln.
20. Februar 2012

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